Crash 1929 und funktionierender Welthandel | www.frankfurterfinance.de

Crash 1929 und funktionierender Welthandel

Wiederveröffentlichung vom 25.02.2002, Autor: Jürgen Felger.
Ursprünglicher Titel: "Der Mythos vom Börsencrash 1929 und der Großen Depression"

"Unerklärliche" Aktienkursverläufe?

Dieser Beitrag soll nicht andeuten, dass wir vor einer Depression stehen würden. Wir wollen anhand der historischen Geschehnisse um 1929 in den USA Wirkungszusammenhänge darstellen. Börseninteressierte finden eine ausgezeichnete Abhandlung über die Geschehnisse dieser Zeit von Lawrence W. Reed. Die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse schult den Blick für gesamtwirtschaftliche Gefahren durch die Vorgaben der Politik. Der Betrachter könnte zwar Gefahr laufen, direkte Parallelen zu ziehen, es sollen jedoch nur die zugrundeliegenden Mechanismen dargestellt werden. Zu denken ist hierbei vor allem an die schädliche Globalisierungsdiskussion und die Idiotie des Wunsches nach einer vollständig oder teilweise autarken Volkswirtschaft. Die geschichtlichen Ereignisse können gedankliche Aufhänger für das Verständnis aktueller Geschehnisse liefern. Kursverläufe an den Börsen mit exorbitanten Kursanstiegen, die wieder in sich zusammenfallen, sind nicht losgelöst von tatsächlichen Geschehnissen. Es handelt sich vielmehr, grob gesprochen, um zeitlich versetzte Zusammenhänge. Erste Vorahnungen und Gerüchte haben Einfluss auf die Kurse, während auf die darauf folgenden und bereits antizipierten Ereignisse meist gar nicht mehr reagiert wird. Leider muss dies hier noch einmal bemerkt werden, da diese Zusammenhänge selbst in der Börsenberichterstattung noch nicht hinreichend Eingang gefunden haben und weiterhin von "unerklärlichen" oder "widersprüchlichen" Kursbewegungen die Rede ist. Die Analyse der Vorgänge um das Jahr 1929 zeigt, dass Kontraktionen der Kurse und Indizes nicht wirklich überraschen können, wenn man sich die wirtschaftlichen Rahmendaten vor Augen hält. Gerade in Zeiten großer Nervosität an den Märkten ist es angebracht, sich zu vergewissern, ob sich der Patient leicht erkältet hat oder an einer kritischen Lungenentzündung leidet.

Wirtschaftspolitik mit Hilfe der Notenbank greift zu kurz

Verstärkter Geldzufluss durch die Notenbank senkt die Zinsen und erleichtert die Investitionen neuer Projekte. Zunächst werden Ausrüster und der Investitionsgüterbereich von der Zinsentwicklung profitieren und die Kapazitäten werden immer weiter ausgelastet und neue Produktionsstätten geschaffen. Am Ende der komplexen Entwicklung werden die Preise so weit steigen, dass sich die Notenbanken genötigt sehen, die Geldversorgung wieder zu reduzieren und der Konktraktionsprozess wird eingeleitet. Diese Politik der Notenbank ist auf den ersten Blick eine einfache Möglichkeit, die Wirtschaft zu beeinflussen. Wir halten diese Art der Wirtschaftspolitik allerdings für nicht besonders einfallsreich. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind je nach expansiver oder kontraktiver Notenbankpolitik positiver oder negativer Art - und immer kurzfristig. Innerhalb von fünf Jahren stieg der Dow Jones von 100 auf ein Hoch von 386 im September 1929. Zwischen Januar und August 1928 wurde der amerikanische Diskontsatz von 3,5% auf 6% angehoben. Der Niedergang des Dow Jones allerdings begann im September 1929 und der Abstieg hatte ein zeitweise sehr rasantes Tempo. Doch mit den Zinsbewegungen der Federal Reserve lässt sich der Umschwung kaum erklären.

Funktionierender Welthandel wichtig für den Wohlstand der Nationen

Viel bedeutender waren die Gerüchte aus dem Kongress die Außenzölle zu erhöhen, um damit die Importe zu reduzieren. Am 24 Oktober 1929, dem Tag mit dem größten Verkaufsdruck, konnte man vor Ort der morgendlichen Zeitung entnehmen, dass die Befürworter von Außenhandelsbarrieren wohl die Oberhand gewinnen würden. Eine Entscheidung für die Behinderung des Außenhandels ist in seinen Konsequenzen sehr schädlich für die heimische Wirtschaft. Diese Nachricht wirkte wie Gift für die Aktienbörsen. Die Börse antizipierte mit dem Crash im Jahr 1929 die Entwicklung nur, denn im Juni 1930 wurde der sogenannte "Smoot-Hawley"-Act verabschiedet, der die Art und die Höhe der Zölle neu bestimmte und in seiner Konsequenz fast den kompletten Außenhandel der USA lahmlegte! Zusammen mit der einsetzenden Preisdeflation und den absolut und nicht prozentual festgelegten Zöllen entstanden unüberwindliche Einfuhrschutzwälle. Die Gegenreaktionen des Auslandes ließen nicht lange auf sich warten und nicht nur Importe, sondern auch die Exporte sanken rapide und damit stieg auch die Arbeitslosigkeit in den USA. Es folgten weitere unglaubliche wirtschaftspolitische Missgriffe, die den Dow Dow Jones bis auf 41 Punkte im Jahr 1932 sinken ließen. Die Löhne wurden von staatlicher Seite fixiert, so dass die Reallöhne bei sinkenden Preisen (und Gewinnen) nach oben schossen und schließlich die Massen in die Arbeitslosigkeit trieb. Dem nicht genug wurden auch Unmengen an Subventionen verteilt. Die Bevölkerung wurde derweil mit erhöhten Steuern in den Würgegriff genommen. Ein weiterer grauenhafter Fehlgriff der Politik folgte mit dem sogenannten National Industry Recovery Act (NIRA) 1933, der der Industrie Preise und Mengen vorschrieb und die USA in den Abgrund führte und in Europa das Chaos förderte. Erst die Wiederaufnahme der Außenhandelsbeziehungen mit den Alliierten des Zweiten Weltkrieges ließ die amerikanische Wirtschaft wieder aufatmen. Der Dow Jones stieg auf den nominalen Stand vom September 1929 erst wieder im Jahr 1954! Inflationsbereinigt erreichte der Index das alte Niveau erneut sogar erst in den 70er Jahren.